Das Frankfurter Polizeipgewahrsam

ein Relikt aus Wilhelminischer Zeit

Hof des PolizeigewahrsamsIm  November 2001 schloss das alte Polizeigewahrsam in der Klapperfeldstraße für immer seine Pforte. Nach dem Umzug in das neue moderne Polizeipräsidium hatte es nach 115 Jahren  nun endgültig ausgedient.
Der alte triste Backsteinbau gehörte einst zu einem riesigen Gebäudekomplex des  preußischen Polizeipräsidiums, das 1886 auf der Zeil entstand und im Zweiten Weltkrieg  bei einen Bombenangriff  völlig zerstört  wurde. An seiner Stelle befindet sich heute das Oberlandesgericht.
Dagegen hatte das Polizeigefängnis  den Krieg weitgehend unbeschädigt überstanden und erinnert noch heute an das Schicksalsjahr 1866, als die Freie Stadt Frankfurt nach der preußischen Besetzung ihre Rechte als Freie Stadt und damit ihre Unabhängigkeit verloren hatte.

Frankfurt wurde am 15. Juli 1866 während des preußisch österreichischen Krieges  von preußischen Truppen besetzt und schon 1 Jahr später in den preußischen Staatsverband eingegliedert. Damit  war Frankfurt einer preußischen Gesetzgebung unterworfen und erhielt erstmals eine eigenständige  Polizei mit einem Polizeipräsidenten an der Spitze.
Das Polizeigewahrsam von außenDie Preußen  galten damals als Vorreiter eines modernen Polizeiwesens  und entsprachen damit den Erfordernissen der Zeit.
Mit dem Allgemeinen Preußischen Landrecht schufen sie die Voraussetzungen für ein modernes Polizeiwesen.
Dem Reformgeist fehlte es jedoch nicht selten  an notwendigen Finanzmitteln, um die neue Organisationsform in die Praxis  umsetzen zu können. So auch in Frankfurt, wo man gezwungen war, auf unzulängliche städtische Einrichtungen zurückzugreifen.
Eine Verbesserung wurde erst Ende der 80er Jahre mit dem Bau eines neuen Polizeipräsidiums erreicht.
Frankfurt wurde 1884 zum  Landkreis erhoben, der für die Polizei zusätzliche Aufgaben mit sich brachte.
Der Frankfurter Polizeipräsident war jetzt auch Landrat des neuen Landkreises.

Das Polizeipräsidium von 1886Das neue Polizeipräsidium entstand 1886 auf einem Gelände der östlichen Zeil Für den preußischen Staatshaushalt war dieses Bauwerk mit ca.700.000 Mark eine recht kostspielige Angelegenheit. Mit der Planung hatte man in Berlin den Frankfurter Stadtbaurat Behnke beauftragt, der mit einer stilvollen Architektur eines der schönsten Amtsgebäude dieser Zeit entstehen ließ. Dennoch war das Präsidium ein reiner Zweckmäßigkeitsbau, in dem alle notwendigen Einrichtungen untergebracht waren. So auch das Polizeigefängnis, das sich mit einem zweistöckigen Backsteinbau an der Nordseite des Gebäudekomplexes anschloss. Es handelte sich dabei um einen Gefängnisbau, der für die damalige Zeit als fortschrittlich angesehen werden konnte. Er enthielt viele bautechnische Neuerungen. Erst in jüngster Zeit  entdeckte man, dass an dem Mauerwerk eine frei schwingende Stahlkonstruktion angebracht war, die vermutlich das Gebäude bei den Luftangriffen  im 2. Weltkrieg vor seiner völligen Zerstörung  bewahrt hatte.

Der Grundrissplan des Polizeigewahrsams von 1886 Das Gefängnis  gliederte sich in eine  Männer –und Frauenabteilung. Die Haftzellen, in denen bis zu 120 Personen untergebracht werden konnten, befanden sich im 2. Stockwerk. Die Zellengröße blieb.  mit 3,50m x 1,50m auf ein Mindestmaß beschränkt. Da dieser Raum nur für eine kurze Unterbringung vorgesehen war, erschien diese Größe vertretbar.
Im gleichen Stockwerk befanden sich weitere 3 Krankenzimmer sowie 4 Zellen für die Unterbringung von Tobsüchtigen, die getrennt verwahrt werden mussten.
Im Kellergeschoss hatte man einen größeren Raum eingerichtet, in dem  nach einer Razzia  bis zu 25 Personen kurzfristig eingeliefert werden konnten. Im Keller lagen auch die Toiletten und Baderäume.
Aus den Bauplänen geht hervor, dass   im Erdgeschoss auch  eine Polizeiwache und ein Büro für das Militär vorhanden waren.
Die Kosten für diesen Gefängnisbau waren beträchtlich. Sie beliefen sich  auf 256000 Mark und stellten  einen großen Teil an den Gesamtausgaben dar.
Der Eingangsbereich  in der Klapperfeldstraße gehörte mit seinem verzierten Torbogen  zu den schönsten Bauteilen und nahm  damit dem schlichten Gefängnistrakt ein wenig von seiner Tristesse.

So imponierend sich das neue Dienstgebäude mit seinen Einrichtungent auch ausnahm, bei einem großen Teil der Frankfurter Bevölkerung stieß dieses nur auf wenig Gegenliebe. Zu tief saß noch der Stachel, den die Frankfurter nach der preußischen Besetzung zu erdulden hatten. Da der Polizeipräsident  auch gleichzeitig  Statthalter des preußischen Königs war, richtete sich der Bürgerzorn in erster Linie gegen das Polizeipräsidium, das als ein Symbol der preußischen Herrschaft angesehen wurde. Auch nach der Reichsgründung von 1871 änderte sich daran nichts. Bei den Unruhen von 1873, beim so genannten Bierkrawall,  kam diese Antistimmung gegen die Polizei voll zum Ausbruch, während andere Institutionen, wie z.B. die Justiz, hiervon unberührt blieben.

Der Zellenflur des alten PolizeigewahrsamsViele Frankfurter hatten aber inzwischen ihre Aversion gegen  Preußen abgelegt und erkannten in der neuen Herrschaft auch gewisse Vorteile für ihre Stadt. Die Zeit der Kleinstaaterei gehörte endgültig der Vergangenheit an.
Über die Nutzung des Polizeigefängnisses geben die damals neu erstellten Karteien Auskunft. Sie erwiesen sich als eine gute historische Quelle.
Die Zahl der damals Inhaftierten stand im engen Zusammenhang mit einer Stadterweiterung.
Ende des 19.Jahrhunderts hatte die Frankfurter Bevölkerung  erheblich zugenommen. Durch Zuwanderungen stieg die Zahl der Einwohner mit 250000 sprunghaft in die Höhe. Dies machte sich auch in der Kriminalitätsentwicklung bemerkbar. Von 1888 bis 1892  waren in den Jahrbüchern 1792 Straftäter registriert. Schon 1905 schnellte diese Zahl  auf über 3000 in die Höhe.

Aus den Unterlagen von 1906 geht hervor, dass in dieser Zeit über 15.000 Festgenommene im Polizeigefängnis aufgenommen wurden. Die Kapazität dürfte damit an ihre Grenze gelangt sein.
Nach Zahlreichen Eingemeindungen im Jahre 1910 kamen ständig neue Aufgaben auf die Polizei zu. Immer wieder sah sie sich mit neuen organisatorischen Problemen konfrontiert Inzwischen hatte sich Frankfurt zum größten preußischen Staatsbezirk entwickelt. So großzügig das Polizeipräsidium auch konzipiert war, so ließ es keine Erweiterungen mehr zu.
Mit den wachsenden polizeilichen Aufgaben wurde der Bau eines neuen Polizeipräsidiums am Hohenzollernplatz  notwendig, das 1914 bezogen werden konnte. Das  alte Präsidium auf der Zeil wurde nicht mehr genutzt und ging später, bis auf das Polizeigefängnis, in den Besitz des Oberlandesgericht über.
Die Wache des alten PolizeigewahrsamsNach dem Umzug hatte das Polizeigefängnis wesentlich an Bedeutung verloren. Die meisten Festgenommenen wurden jetzt in den Zellen  im neuen Polizeipräsidium untergebracht. Das alte Gewahrsam diente nur noch als Ausweichmöglichkeit.

Über die Nutzung des Polizeigefängnisses in der Weimarer Zeit und der späteren Naziherrschaft gibt es keine verlässlichen Angaben. Vermutlich ging dieses Quellenmaterial während des 2. Weltkrieges verloren. Auch Berichte von Zeitzeugen konnten  durch literarische Quellen nicht untermauert werden.
Aus einer Veröffentlichung von Dr. Volker Eichler über die „Organisation und Struktur der Gestapo in Frankfurt am Main“, geht hervor, dass die Gestapo bis 1943 das Polizeigefängnis für die Unterbringung von Häftlingen genutzt hatte. Auch hierüber gibt es keine schriftlichen Hinterlassenschaften. Der Gestapo war es vor Kriegsende gelungen, sämtliche Unterlagen zu vernichten. Zeitzeugen bestätigten jedoch übereinstimmend, dass das Gewahrsam auch in dieser Zeit keine zentrale Funktion mehr besessen hatte.

Das Kriegsende brachte für die Polizei eine Reihe von Schwierigkeiten und Probleme mit sich. Die Bekämpfung der Nachkriegskriminalität  und des Schwarzen Marktes stellte die Polizei vor eine schwierige Aufgabe. Überall offenbarten sich Mängel. Nur wenige Dienstgebäude hatten die schweren Luftangriffe im 2. Weltkrieg unbeschädigt überstanden. Die meisten dieser Einrichtungen, so auch das Polizeipräsidium, konnten vorerst nicht von der Polizei genutzt werden. Die einzige Möglichkeit, Festgenommene unterzubringen, bot das Polizeigewahrsam, das nur leichte Bombenschäden erhalten hatte. Damit kam diesem Gebäude wieder eine zentrale Funktion zu.

Wandmalerei im alten PolizeigewahrsamAuch als sich später  die Verhältnisse  normalisierten, griff die Polizei vermehrt auf das Polizeigewahrsam zurück. Die 16 Haftzellen und ein größerer Sammelraum boten gute Unterbringungsmöglichkeiten für eine größere Zahl von Festgenommenen. Dies war vor allem während der APO-Zeit in den 60er Jahren der Fall, wo es nach Demonstrationen zu zahlreichen Festnahmen kam.

Später diente das Gewahrsam zusätzlich noch als Unterbringungsort  für Abschiebehäftlinge, die nach dem Ausländerrecht abgeschoben werden mussten.

Die veralteten sanitären Anlagen gaben oft Anlass zu Klagen. Bereits 1958 dachte man darüber nach, das Polizeigewahrsam in einem geplanten Neubau neben dem Polizeipräsidium unterzubringen. Dieses Projekt scheiterte jedoch an den hohen Kosten. Immer wieder war man um eine menschwürdige Unterbringung bemüht. In diesem Zusammenhang müssen auch die eindrucksvollen Wandgemälde gesehen werden, welche die Künstlernatur des ehemaligen Leiters, Polizeihauptkommissar Hermann Oellers, dort hinterlassen haben. Mit Kunst im Gefängnisbau hatte er damit zweifellos Neuland betreten.

Ein weiteres Werk von Hermann OellersErst nach dem Bau des neuen Polizeipräsidiums konnte  die Polizei ihren lang gehegten Wunsch  verwirklichen: Das Gewahrsam war wieder wie 1886  voll im Polizeipräsidium integriert.

Seit  November 2001 hat das alte Gebäude nach einer wechselvollen Geschichte ausgedient. Wie das Bauwerk künftig genutzt wird, bleibt vorerst ungewiss. Sicher wird ein möglicher Abriss bei den Frankfurtern keine nostalgischen Gefühle hinterlassen. Dafür war der Gefängnisbau,  vor allem während der Naziherrschaft, in eine schreckliche Zeit eingebunden und weckt damit noch schmerzliche Erinnerungen. Was bleibt ist ein Relikt aus der Wilhelminischen Zeit, das wie nur noch wenige Bauten an eine bedeutende Epoche der Frankfurter Stadtgeschichte erinnert.


Literaturquellen:
Frankfurt und seine Bauten, 1886, Selbstverlag
Erwin Böhmert, Jubiläumsschrift „ 20 Jahre Frankfurter Polizei“, 1965, München
Eduard Gerling   „ Die Geschichte des Frankfurter Polizeipräsidiums“ Sonderausgabe Polizei-Technik –und Verkehr, 1968, Wiesbaden,
Kurt Kraus, „125 Jahre Polizeipräsidium in Frankfurt am Main“, 2. Auflage, 1993, Selbstverlag
Kurt Kraus  „ Die Frankfurter Polizei im Wandel der Zeiten“, 1989, Selbstverlag
Kurt Kraus, „ 100 Jahre Frankfurter Polizeipräsidium“, Jahresbroschüre „ Polizei in Frankfurt am Main“, 1986, Nürnberg
Bildnachweis:
Institut für Stadtgeschichte
Michael Steiniger, Polizeipräsidium Frankfurt am Main

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Kurt Kraus
KMF