Knut Müller

(1. Oktober 1970 bis 3. Juni 1980)

Knut MüllerZum Nachfolger von Dr. Littmann wurde der 42jährige Regierungsdirektor und Jurist Knut Müller ernannt, der als erfahrener Verwaltungsfachmann für seine neue Aufgabe einen reichen Schatz an Verwaltungspraxis einbringen konnte. Sein Weg führte nach dem Jurastudium über das Bundesverfassungsgericht, wo er wissenschaftlicher Mitarbeiter war und über das Innenministerium. Was Knut Müller anfangs der 70er Jahre vorfand, schien nicht geeignet, Begehrlichkeiten für dieses Amt zu wecken. Frankfurt erstickte weiterhin in einem Chaos gewalttätiger Demonstrationen und terroristischer Gewaltakte, ausgelöst von der Bader-Meinhoff-Bande und der so genannten anarchistischen Rote-Armee-Fraktion. Auch die Kriminalitätskurve zeigte in dieser Zeit einen rasanten Anstieg. Sie strebte 1978 mit 86.012 Straftaten unaufhaltsam der 100.000er Grenze zu und es fehlte wie eh und je an Beamten. Die Kriminalpolizei besaß damals eine Einsatzstärke von lediglich 560 Kriminalisten und dies bei ständiger Aufgabenvermehrung und Umorganisation.
In den 70er Jahren war die Kripo in sechs Inspektionen und 26 Kommissariate aufgegliedert. Der ständige Ruf nach einer ausreichenden Verstärkung ging damals — wie schon so oft — ins Leere. Während der Amtszeit Knut Müllers erlebte die Frankfurter Polizei ihren bis dahin größten Einschnitt nach dem 2. Weltkrieg. Durch ein neues Polizei-Organisationsgesetz wurden im Januar 1974 die bis dahin noch verbliebenen kommunalen Polizeien verstaatlicht und in ihrer Leitung dem Innenministerium unterstellt. Was folgte, war eine Neugliederung nach landeseinheitlichem Modell, verbunden mit erweiterten Zuständigkeiten. Der Bereich der nunmehr staatlichen Frankfurter Polizei erstreckte sich auf ein Gebiet von 506 qkm, mit den außer dem Stadtgebiet neu hinzugekommenen Bezirken
Main-Taunus-Kreis und der Gemeinde Bergen-Enkheim. Aber auch bei der Neuordnung blieben in den größeren hessischen Städten die Polizeipräsidien mit einem Polizeipräsidenten an der Spitze erhalten. Nach der Verstaatlichung betrug die Stärke der Polizei in Frankfurt, wie sie fortan hieß, insgesamt 2.462 Schutz- und Kriminalbeamte, die jetzt für 900.000 Einwohner zuständig waren.
Die zunehmende Kriminalität zwang die Behörde zu ständigen Umorganisationen. So entstanden zur Eindämmung der Straßenkriminalität zunächst bei der Kripo und im Laufe der Zeit auch mit der Schutzpolizei zusammen gebildete Sonderkommissionen, wie zum Beispiel die „Sonderkommission (SOKO) Bahnhof' und später weitere Sonderkommandos bei allen Schutzpolizeiinspektionen. Überhaupt wurde die Schutzpolizei jetzt mehr in die Kriminalitätsbekämpfung mit einbezogen. Zur Entlastung der Kriminalpolizei wurde ihr in eigener Zuständigkeit die Bearbeitung der kleinen und mittleren Kriminalität übertragen. Vor allem die Zunahme des Terrorismus, bei der Bombenanschläge, Flugzeugentführungen, Geisel­nahmen sowie Banküberfälle schier an der Tagesordnung waren, zwangen zur Aufstellung von speziellen Einsatzkommandos (SEK). Wie notwendig dies war, zeigte sich bei zwei spektakulären Geiselnahmen im Frankfurter Amtsgericht, wo ein offensichtlich Geistesgestörter in einem Dienstzimmer zwei Rechtspfleger mit einer Schusswaffe bedrohte und als Geisel hielt sowie in Dreieich, als ein Bankräuber, um eine Flucht zu ermöglichen, den Sparkassenleiter in seine Gewalt brachte und versuchte, mit ihm in einem Fluchtauto zu flüchten. Des Weiteren erlebte der Frankfurter Rhein-Main-Flughafen insgesamt 5 Flugzeugentführungen mit Geiselnahme. Besonders bewährte sich das SEK bei der Festnahme von Terroristen, die in Frankfurt ihren Unterschlupf gesucht hatten. Die Mainmetropole erlebte weiterhin eine Terrorwelle mit Bombenanschlägen auf Einrichtungen der US-Streitkräfte und auf Personen des öffentlichen Lebens. Nach den Fahrpreiserhöhungen des Frankfurter Verkehrsverbundes kam es in der Innenstadt und auch in übrigen Teilen des Stadtgebietes zu den schlimmsten Krawallen mit Sprengstoffanschlägen.
Aber auch ein anderes schlimmes Phänomen begann sich abzuzeichnen. Waren bis anfangs der 70er Jahre die Rauschgiftdelikte noch nahezu bedeutungslos, so begannen sie fortan sprunghaft in die Höhe zu steigen. Von 1975 bis 1978 stieg in Frankfurt die Zahl der Rauschgiftdelikte von 1053 auf 1756 rapide an. Im Jahre 1979 waren allein 44 Rauschgifttote zu beklagen. Vor diesem Hintergrund hatte der Polizeipräsident einen schweren Stand. Wie schon bei seinem Vorgänger, versuchte die immer noch herrschende Rathauspartei in Verbindung mit einer ihr ergebenen Presse, Stimmung zu machen. Vielfach hatte ihm eine linksorientierte Journaille den Rücktritt nahe gelegt. Doch offen wagte gegen ihn niemand vorzugehen, weil er in seiner Amtsführung konsequent und untadelig und vor allem eine standhafte Persönlichkeit war, die nur nach Recht und Gesetz handelte und sich nur den Bürgern der Stadt verpflichtet fühlte.
Große Verdienste erwarb sich der energische Behördenleiter beim Aufbau des Polizeisportvereins, in dem er eine Möglichkeit zur Integration junger Polizeibeamter in Frankfurt sah. Unter seinem Vorsitz wurde der bis dahin stagnierende Großverein wieder zu einer Größe im Sportgeschehen.
Nach 10jähriger Amtszeit warteten auf ihn höhere Aufgaben. Der damalige Hessische Ministerpräsident Holger Börner holte diesen tüchtigen Fachmann nach Gießen, wo für den mittelhessischen Bereich ein neues Regierungspräsidium eingerichtet wurde.
Knut Müller war zunächst Leiter des Aufbaustabes und wurde später zum Regierungspräsidenten ernannt.
Nach seiner Dienstzeit war er wieder als Rechtsanwalt tätig.

 

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Quelle:125 Jahre Polizeipräsidium Frankfurt am Main, Kurt Kraus
KMF