Dr. Gerhard Littmann
(16. Mai 1952 bis 2. April 1970)
Am 16. Mai wurde die Präsidentenstelle im Frankfurter Polizeipräsidium mit Dr. Littmann besetzt. Er war mit damals 41 Jahren nicht nur der jüngste Polizeipräsident, sondern er konnte später mit 18 Dienstjahren auch die längste Amtszeit aufweisen. Zuvor war der promovierte Jurist Leiter der Haushalts- und Personalabteilung im Hessischen Innenministerium. Sofort zu Beginn seiner Präsidentenschaft galt sein Hauptaugenmerk den Polizeiunterkünften, die sich immer noch in einem beklagenswerten Zustand befanden. Überall waren die Schäden des Krieges noch sichtbar und Baumaterialien waren kaum zu bekommen. Vor allem erfolgte der Erweiterungsbau des Präsidiums in der Ludwigstraße. Durch die Unterbringungen von zahlreichen städtischen Behörden, wie Pass- und Ausländerbehörde, Einwohnermeldeamt und Teile der Führerscheinstelle, platzte das viel zu klein gewordene Polizeipräsidium aus allen Nähten.
Auch der zunehmende Straßenverkehr, der vor allem Ende der 50iger Jahre sprunghaft anstieg, bedeutete eine zusätzliche Herausforderung für die Polizei. Dr. Littmann setzte sich vehement dafür ein, dass Frankfurt als erste Großstadt nach dem Kriege eine automatische, ampelgesteuerte Verkehrszentrale erhielt, die noch bis zu diesem Jahr im Polizeipräsidium untergebracht war. Viele Verkehrsexperten aus allen Ländern kamen damals in die Mainmetropole, um hier Erfahrungen zu sammeln. Der Straßenverkehr mit all seinen schlimmen Auswirkungen machte ein besonderes Programm der Verkehrserziehung und -aufklärung erforderlich. Vor allem das damalige Experiment „Auto auf dem Schulhof', das auf die Initiative von Dr. Littmann zurückging, sollte dazu beitragen, dass Schüler im Rahmen eines Verkehrsunterrichtes (mit dem Ziel, später den Führerschein zu erwerben) schon rechtzeitig mit der sicheren Handhabung eines Kraftfahrzeuges vertraut gemacht werden sollten.
Auch auf internationaler Ebene genoss Dr. Littmann hohes Ansehen. So war er Mitglied der International Association of Chief of Police in Washington sowie Vizepräsident der Hd&ation Internationale des Fonctionnairs Sup&ieurs in Paris und ebenfalls Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Polizeichefs der Bundesrepublik. Seine im Ausland gesammelten Erfahrungen wirkten sich günstig auf den weiteren Ausbau der Polizeibehörde aus. Mit der Überwindung der Nachkriegsschwierigkeiten taten sich mit dem langsam einsetzenden Wohlstand neue Probleme auf. Bedingt durch seine geographische und vor allem wirtschaftliche Lage wurde die Mainmetropole auch zu einer Drehscheibe der Kriminalität. Vor allem die Wirtschaftskriminalität begann sich ungeahnt zu entwickeln. Mitte der 50iger Jahre registrierte die Frankfurter Kriminalpolizei insgesamt 57.000 Straftaten und dies mit einem Personalbestand von nur 387 Kriminalbeamten. Die Kriminalpolizei untergliederte sich in drei Inspektionen und 12 Kommissariate. Sie hatte sich immer mehr mit einem neuen Phänomen des Verbrechens auseinanderzusetzen, denn schon damals begann sich eine Zunahme der Gewaltdelikte, wie Straßenraub, Banküberfälle und auch Prostituiertenmorde abzuzeichnen. Auch die Schutzpolizei erhielt ein neues Gesicht. Die in Frankfurt vorhandenen 24 Polizeireviere wurden in 17 Großraumreviere umgegliedert mit zumTeil großen Streifenbezirken, die in drei Inspektionen zusammengefasst waren. Hinzu kam eine Polizeibereitschaft, die für das gesamte Stadtgebiet zuständig war. Durch den Besuch zahlreicher Staatsgäste kamen auf die Frankfurter Polizei neben Repräsentationsaufgaben zwangsläufig immer mehr Sicherheitsaufgaben zu. Ende der 60iger Jahre erlebten die Ordnungshüter ihre erste schwere Belastungsprobe. Aufkommende Unzufriedenheit vor allem innerhalb der studentischen Jugend sowie wirtschaftliche krasse Gegensätze, verbunden mit einer Wohnungsnot und nicht zuletzt der langanhaltende Vietnamkrieg, bei dem hauptsächlich in linken Kreisen sich eine amerikafeindliche Tendenz breit machte, lösten in Frankfurt Demonstrationswellen von bis dahin noch nicht gekanntem Ausmaß aus, denen eine für solche Aufgaben unzulänglich ausgebildete und ausgerüstete Polizei gegenüberstand, die zudem von der politischen Führung stark verunsichert wurde. Es war die Zeit der Osterunruhen von 1968 nach dem Attentat auf den Führer einen linken revolutionären Bewegung Rudi Dutschke in Berlin, der Paulskirchenkrawall anlässlich der Buchpreisverleihung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels an den Staatspräsidenten der Republik Senegal, dem Kritiker vorwarfen, dass er in seinem Lande studentische Bewegungen unterdrückte sowie die Buchmessen, die die Linke stets zu einem politischen Forum umzufunktionieren versuchte. Fast ausnahmslos kam es hierbei immer zu schweren Auseinandersetzungen, wodurch der Messefrieden ein ums andere Mal gestört wurde. Frankfurt erstickte damals in einem regelrechten Demonstrationsfieber und das politische Abwägen der polizeilichen Maßnahmen wurde immer schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich. An dieser Problematik scheitere am Ende der Polizeipräsident, der sich einem von Parteigruppen initiierten Ränkespiel ausgesetzt sah.
Dr. Littmann verfolgte als konservativer Beamter eine rechtstaatliche Linie, die damals im Rathaus bei der dort vielfach anzutreffenden so genannten „progressiven Denkweise" nur wenig Rückhalt fand. Man machte schließlich dem Präsidenten zum Vorwurf, bei den notwendigen polizeilichen Maßnahmen nicht das richtige Maß gefunden und nicht das nötige Einfühlungsvermögen besessen zu haben. Im September wurde ihm nach einer dramatischen Abstimmung im Frankfurter Rathaus das Vertrauen entzogen. Dr. Littmann nahm seinen Abschied und betätigte sich später in Frankfurt als Geschäftsführer eines bekannten Geldtransportunternehmens.
Er starb 1978 an einem Lungenleiden.
