Erinnerung an den Frankfurter Polizeidienst 1907-1938
Auszug aus dem Lebensbericht von Polizeiobermeister Friedrich August Borm
Am 1. Juni 1907 meldete ich mich zum Dienstantritt bei der Schutzmannschaft im alten Polizeipräsidium Zeil 42. Ich stand im 30. Lebensjahr, war gut gewachsen, groß, kräftig und wurde gerne eingestellt und dem 3. Polizeirevier Am Geistpförtchen zugeteilt. Hier konnte mancher kräftige Mann gebraucht werden, wie man mir sagte. Ich habe dies schon später kennen gelernt, wo ich mich mit so manchem Stromer u. Spitzbuben herumschlagen mußte. In der Altstadt sollte jeder Polizist einmal Verwendung finden, hier lernt er den Polizeidienst aus dem ff. Schutzmann Hennig war mein Ausbilder. Ich habe mich wohl gut angelassen, denn schon nach 14tägiger Ausbildung wurde ich allein auf Posten geschickt und erhielt ein Unterrevier zur Aufsicht. Der Straßendienst war unendlich schwer, viel Kraft, Ausdauer und Überwindung waren notwendig, um bei der Stange zu bleiben.
Mein Reviervorsteher, der nun längst verstorbene Polizeikommissar Waldmann, paßte scharf auf seine jungen Anfänger auf, er griff scharf zu, wenn er auf faule Stellen stieß. Ich entsinne mich aber nicht, daß ich mir seinerseits besonderen Tadel zuzog. Es gab für den jungen Schutzmann viel Schreibarbeit neben dem schweren Straßendienst zu leisten. Festnahmen und Sistierungen von Personen kamen in dem Altstadtrevier stündlich vor, das gab Schreibarbeit. Dazu kamen Berichte aller Art und die Erledigungen des gesamten schriftlichen Verkehrs in Straf- und Verwaltungssachen. Nach 1/2 Jahr Probezeit wurde ich auf Lebenszeit angestellt und somit war das Ziel, Beamter zu werden, erreicht.
Der Außenstehende kann sich gar keinen Begriff davon machen, was es heißt, in einem Altstadtrevier Schutzmann zu sein. Der Dienst wurde in drei Dienstdritteln versehen. Ein Drittel fing früh um 7 Uhr an machte am Tage 6 Stunden Postendienst, 2 Stunden Wachverstärkung und die Erledigung der schriftlichen Arbeiten. Dann kamen von 11 - 2 Uhr 3 Stunden Nachtstreife und Ruhe bis zum nächsten Morgen. Am 2. Tage begann der Dienst um 9 Uhr Vormittag mit dem gleichen Pensum des Vortages und Nachtdienst von 2 - 5 bzw. 7 Uhr. Der 3. Tag war dann bis zum nächsten Morgen frei und um 7 Uhr begann das Karussell von Neuem.
Man war also immer in Bewegung und sehr hart war jede Stunde. Wie viel polizeiliche Leichensachen von Erhängten, Erschossenen, Verbrannten, Ertrunkenen und Verunglückten habe ich wohl bearbeiten müssen. Ich war ziemlich schreibgewandt und in schwierigen Fällen zog man mich bald gerne heran. Dazu kam die einem Vorwärtsstrebenden notwendige Ausbildung im Meldebüro und in der kriminalistischen Tätigkeit. Ich habe viel lernen müssen bis ich ein richtiger Polizist war und habe alles gründlich genommen. Aber schon nach 3 Jahren sollte sich mein Aufstieg vorbereiten. Mein Ausbilder Schutzmann Hennig, hatte den Sonderdienst zugeteilt erhalten, eine Tätigkeit, bei der er sich nicht bewährte und in Ungnade fiel. Es war dies ein Polizeifach, das viel Selbständigkeit verlangte, Kontrolle der Gewerbebetriebe, Wirtschaftskonzessionen und -kontrollen und Bearbeitung aller heiklen Sachen, wie sie in einem Polizeirevier vorkommen. Auch dem Wachtmeister des Reviers mußte der Sonderdienst zur Hand gehen. Es wurde nach einem geeigneten Beamten Ausschau gehalten und die Wahl fiel auf mich.
Am 1.10.1910 wurde ich mit den Geschäften des Sonderdienstes beauftragt und habe diese Stellung fast 7 Jahre gehalten. Nun war ich vom Straßendienst frei und der besonders anstrengende Nachtdienst fiel für mich fort. Es war jetzt schon ein ganz erträgliches Leben als Polizeibeamter Dienst zu tun, im eigenen Büro konnte ich meine Tätigkeit nach Belieben oder Bedarf in Zivilkleidung oder Uniform versehen. Die schönste Zeit meiner Dienstjahre hatte begonnen und so mancher graugewordene Schutzmann beneidete mich darum, der oft bis zu seiner Pensionierung nur im Straßendienst verwendet wurde.
Als ich nach Frankfurt kam, hielt mein Reviervorsteher darauf, daß ich auch innerhalb des Polizeireviers Wohnung nahm. Ich fand eine solche in der Schlachthausgasse 13 bei einer Familie Wilhelm Müller. Hier zahlte ich für Kost und Logis monatlich 45,- Rm. Mein Monatsgehalt betrug damals 146,66 Rm und so hatte ich für meinen Lebensunterhalt auch genügend Mittel, daß ich heiraten und einen eigenen Hausstand gründen konnte. Warum in die Ferne schweifen, wo doch das Gute so nahe lag. Meine Hauswirtin hatte ein Töchterlein 20 Jahre alt, dunkles Haar, so recht mein Typ. Schon nach 6 Wochen wurde aus meiner Logiswirtin eine Schwiegermutter und ihre Tochter Elisabeth meine Braut. Das Verlöbnis kam schnell und die Heirat folgte bald. Am 4. Januar 1908 wurden wir vor dem Standesamt im Römer getraut, die kirchliche Trauung war am Sonntag, den 5.1.1908, in der Paulskirche, Pfarrer Julius Werner gab uns den Segen für das neue Eheleben.
Unsere erste Wohnung hatten wir uns in der Zeißelstraße 17 einfach und nett eingerichtet, ein neuer Lebensabschnitt hatte seinen Anfang genommen. Nach einem Jahr war dann auch der Stammhalter da, der Grundstock zu einer neuen Familie Borm war gelegt. Wir haben schwer angefangen, arm waren wir beide und das Einkommen war doch knapp für eine Familie. Unsern Hausstand hatten wir auf Abzahlung gekauft, da mußten die Raten pünktlich bezahlt werden und neue Ausgaben wurden fällig. Was verschlingt nicht auch alles ein so armselig angefangener Haushalt. Dazu kamen weitere Kinder, die Ausgaben mehrten sich, es war eine harte Zeit. Und doch war ich immer bestrebt, allen Verpflichtungen zu genügen, Schulden durften erst gar nicht einreißen und so mußte die Lebensweise sehr eingeschränkt werden.
Die Schwiegereltern starben im Herbst 1908 kurz nacheinander, sie haben unsere Kinder also gar nicht kennen gelernt. Eine 13jährige Tochter Kätchen, die nun verwaist war, nahmen wir bei uns auf, so hatte sich unsere Familie gleich vermehrt. Wir haben in den kommenden Jahren dann recht einfach leben müssen, um mit dem bescheidenen Einkommen hauszuhalten. Nacheinander wurden uns 5 Jungens geboren, 1909, 1910, 1912, 1914 und 1918, ein Junge starb am 5.7.1915, 1 1/4 Jahre alt.
Im Laufe der Jahre hatten wir die Besuche unserer Eltern und Geschwister, mit Ausnahme des Bruders Rudolf, in unserem Heim begrüßen können. So fiel ab und zu ein freudiges Ereignis in unser Familienleben. Mir selbst fehlten aber die Mittel für eine Reise in die ferne Heimat, bis endlich im August 1918 auch diese Stunde für mich kam, wo ich Heimat und Elternhaus wiedersehen konnte. Es waren schöne Urlaubswochen, die ich dort verlebte. Noch zweimal kam ich dann später in die Heimat, im Februar 1922 zur Beerdigung der Schwester Helene Lau und zu Weihnachten 1925 zur Beerdigung unseres unvergeßlichen alten Väterchens. Erst 13 Jahre später, nach meiner Pensionierung im Oktober 1938 konnte ich wieder einmal die Heimat aufsuchen, diesmal mit meiner Lisi, die die Heimat ihres Mannes bis dahin noch gar nicht kennen gelernt hatte.
Im Jahre 1913 hatte ich einen Lehrgang für angehende Polizeiwachtmeister mit Erfolg mitgemacht. Da ich aber einer der jüngsten Anwärter war, mußte ich noch lange Jahre warten, bis ich in eine freie Wachtmeisterstelle einrücken konnte. Am 1.6.1918 wurde ich nach 11jähriger Schutzmannszeit zum Königlichen Polizeiwachtmeister befördert, nachdem ich die Geschäfte eines solchen bereits ein Jahr lang im 12. Polizeirevier geführt hatte. Jetzt fingen für mich auch verantwortlichere Zeiten an, wo ich zeigen mußte, daß ich meiner Stellung auch gewachsen war, lange Zeit habe ich ein Polizeirevier während des Krieges selbständig geführt. Im Sommer 1919 wurde ich mit der Kontrolle des Straßenhandels in Frankfurt/M. beauftragt, es war dies eine Tätigkeit, die viel Arbeit und Ärger brachte. Nach einem Jahr wurde ich dann Leiter des Gewerbepolizeikommissariats und versah nun meinen Dienst in Zivilkleidung. Fast 6 Jahre lang habe ich diese Dienststelle geleitet und hier wieder viel lernen und arbeiten müssen. Unser Arbeitsgebiet war die Überwachung des Verkehrs mit Nahrungs- u. Genußmittel, Kontrolle der Preise, Maße u. Gewichte, Entgegennahme von Proben aller Art für die Untersuchung durch das staatliche chemische Untersuchungsamt. Mit einem Stab von etwa 20 Beamten mußte die ganze Stadt Frankfurt betreut werden, da gab es für mich im Büro genug zu ordnen und zu schreiben.
Der Krieg war 1914 ausgebrochen, er brachte dem Polizeidienst unerhörte Arbeiten und erforderte Jahre lang stärksten Einsatz aller Kraft. Noch schlimmere Zeiten brachen über Deutschland nach Kriegsende herein, wo jede staatliche Ordnung aufgelöst wurde. Unendliche Strapazen und körperlicher Einsatz wurden von den Polizeibeamten verlangt, da hieß es die im Volk wild gewordenen Kräfte wieder in die richtigen Bahnen bringen.
Zu Weihnachten 1925 wurde ich in der Schutzpolizei zum Polizei-Sekretär befördert und mußte nun wieder die Uniform anlegen. Als stellvertretender Reviervorsteher wurde ich dem 9. Polizeirevier in der Eichwaldstraße zugeteilt und bereits am 1.4.1926 zum Polizeiobermeister befördert. Das bewegte politische Leben der vielen Parteien brachte unerhörte Anforderungen an die Polizeibeamten. Die schlimmsten Jahre waren bis Anfang 1933.
Am 9.5.1928 wurde ich als Leiter der Revierzweigstelle Fechenheim versetzt, habe hier in verantwortlicher Stelle 10 Jahre Dienst getan und am 30. September 1938 nach über 31 Jahren Polizeidienst, wurde ich infolge Erreichung der Altersgrenze in den gesetzlichen Ruhestand versetzt.
Zur Person
Das Kriminalmuseum Frankfurt dankt dem Enkel des Friedrich August Borm, Herrn Günter Borm, für diesen Auszug aus dem Lebensbericht des damaligen Polizeiobermeisters.
